Markwerben im 1. Weltkrieg und das Ehrenmal für die Gefallenen

Mike Sachse 2017

 - Tabelle zu den Kriegsteilnehmer und den recherchierten Daten und Fakten (Stand Oktober 2016)

Der damalige Pfarrer Richter schrieb seine Erlebnisse und Eindrücke des 1. Weltkrieges in der Kirchenchronik nieder.So notierte er in seiner Aufzeichnung: „Auch für Markwerben und Obschütz hat der 1914-18 dauernde Weltkrieg schwere Folgen gehabt und große Trauer in die Familien gebracht. Mit freudigem Mute zogen die Männer besonders auch die heranwachsende Jugend in den Kampf zur Verteidigung. Die beiden Ehrenmale in Markwerben und in Obschütz sind Zeugen ihres Opfermutes. In den ersten Jahren waren die Verluste an Menschenleben nicht so hoch, sie steigerten sich dagegen im letzten Jahre gewaltig.

In Markwerben wurden 44, (am Kriegerdenkmal aber nur 40 verzeichnet) in Obschütz 4? Namen derer verzeichnet, die ihr Leben hingaben fürs Vaterland. In manchen Familien waren es beide Söhne, oder einziger Sohn die in fremder Erde ruhen. Albert Walter verlor so beide Söhne, ebenso die Familie Müller (1), Albert Dose (1), Karl Winter?, Fritz Schunke (2) in Markwerben, Richard Vogel, Hermann Walter in Obschütz den einzigen Sohn. Viele trugen schwere Wunden davon, Fritz Sch…, Erich Hartung verlor ein Bein bis zum Oberschenkel. Viele leiden noch an den Schmerzen, die ihn die Wunden verursachen. Am schrecklichsten war die Verstümmelung des jungen Richard F…, der durch Explosion einer Granate im Kanonenrohr beide Hände und ein Auge einbüßte und außerdem noch Splitter in den Leib bekam. Schwer, unsagbar schwer waren für mich die Gänge zu den Eltern und Angehörigen der Gefallenen, denen ich die Unglücksbotschaft bringen musste oder die ich trösten sollte. Es waren zu meist Leute, die durch meine Hand gegangen in Schule u. Unterricht u. die mir ans Herz gewachsen waren, wie eigene Söhne. Ich bin darüber müde und matt geworden, zu mal eigene Kränklichkeit und Sorge um Familienglieder mir das Leben schwer machten. Es kam dazu Mangel u. Sorge ums tägliche Brot. Dann kam das Schrecklichste. Schon im zweiten Kriegsjahr war mir aufgefallen, wie die Soldaten, die mich bei Urlauben sonst besuchten und mit mir gesprochen hatten, sich zurückzogen und schwiegen, wenn sie auf Urlaub kamen.“

Dieser Bericht beschreibt kurz aber sehr präzise das ganze Elend, welches die Menschen in den vier Kriegsjahren erlebten.

Auch in Markwerben wird eine allgemeine Kriegsbegeisterung geherrscht haben, wenn auch nur für kurze Zeit, denn schon nach wenigen Wochen waren die ersten Toten zu beklagen. Bis Ende des Jahres werden sieben Soldaten gefallen sein und im weiteren Verlauf des Krieges vergrößerte sich die Anzahl der Gefallenen stetig.

Zu den Sorgen um die Angehörigen an der Front kam der Mangel an Nahrungsmitteln, die drastische Einschränkung an Rohstoffen und Fertigprodukten. Alles war auf den Krieg ausgerichtet. Missernten, ein Handelsembargo und der zunehmende Mangel an Arbeitskräften, Zugtieren und Kunstdüngerverschlimmerte die Situation mit den Jahren immer weiter. Durch die schrittweise Einführung der verschiedenen Lebensmittelmarken, ab 25. Januar 1915 für Brot, später für Mehl, Eier, Butter usw., sollten die Nahrungsmittel "gerechter" und kontrollierter verkauft werden.

Dabei waren die Dorfbewohner zum großen Teil Selbstversorger und konnten sich zum Teil mit den nötigsten Nahrungsmitteln versorgen, auch wenn ein Teil davon an das Ernährungsamt abgegeben werden musste. Trotzdem war die Lage angespannt, die sich im Laufe des Krieges immer weiter verschärfte. Schlimmer traf es die Stadtbevölkerung, die fast 100% davon abhängig war, was in den Läden angeboten wurde. In ihren kleinen Schrebergärten konnten sie nur begrenzt Obst und Gemüse anbauen. Das gleiche galt für die Kleintierhaltung. Hühner, Gänse oder Kaninchen waren nur in kleiner Anzahl zu halten möglich. Große Nutztiere, wie Schweine, Schafe und Kühe, konnten nur in dörflicher Umgebung gehalten werden.

Unmittelbar mit Kriegsbeginn gab es die ersten amtlich verordneten Einschränkungen. Schon unmittelbar nach Kriegsausbruch kam es zu einem Mangel an verschiedenen Rohstoffen. Zum einen, da der Handel mit den nun verfeindeten Ländern zum Erliegen kam. Deshalb begann man seitens der Regierung, strenge Maßnahmen einzuführen. Die Rohstoffe und Materialien mussten für das Heer bereitgestellt werden. Die Oberste Heeresleitung kaufte alle verfügbaren Rohstoffe auf oder sie mussten bereitgestellt werden. Leder, Gummi, Metalle, Fette - alles kaufte man auf, um die Versorgung des Heeres abzusichern. Relativ früh, ab 1915, versuchte man mit Ersatzstoffen zu experimentieren, um so eine Milderung zu erreichen. So gab es Versuche, Tornister, Rucksäcke und die passenden Trageriemen aus verstärktem Papier herzustellen. Leder und Baumwolle wurden immer knapper. Im Verlauf des Krieges fanden ständig Rohstoffsammlungen statt. Alles, was die Zivilbevölkerung nicht unbedingt brauchte, sollte oder musste abgeben werden. Die Gummibereifung vom Fahrrad, wenn nicht selbst das ganze Fahrrad abgegeben werden musste. Verschont blieb man, wenn man den Nachweis erbrachte, dass das Fahrrad nicht für Freizeitzwecke, sondern zur Beförderung zur Arbeitsstelle oder für ein Gewerbe nutzte. Das gleiche galt für Autos und Nutzfahrzeuge. Autos sollten nicht mehr für private Zwecke verwendet werden, für die es auch kein Benzin mehr gab. Selbst Nutzfahrzeuge wurden aufgekauft oder man appellierte an den Patriotismus der Leute, die Fahrzeuge doch kostenlos dem Heer zur Verfügung zu stellen. Eingespart werden sollte und musste in allen Bereichen. Man appellierte an das Gewissen der Leute, doch keinen Kuchen mehr zu backen um nicht "unnütz" Nahrungsmittel zu verschwenden. Später wurde das Kuchenbacken zeitweise ganz verboten. Den Bäckern war es verboten, frisches Brot und Brötchen zu verkaufen - mit der Begründung, dass man "unnötigerweise mehr isst als nötig", wenn die Backwaren frisch zur Verfügung stehen. Erst am nächsten Tag durften die Brötchen verkauft werden. Gebacken werden durfte nur noch Roggen- und Weizenbrot, wobei in den nächsten vier Jahren immer größere Anteile an Ersatzstoffen beigemengt wurden (z.B. Kartoffelstärkemehl). Die Aufzählung könnte noch weitergeführt werden, doch sollen die Beispiele ausreichen, um die Einschränkungen der Zivilbevölkerung zu verdeutlichen.

Durch die Mobilmachung fehlten auch zahlreiche Arbeitskräfte, die für die Ernte auf den Feldern und in den Fabriken benötigt wurden. Kriegsfreiwillige verstärkten den Arbeitskräftemangel noch zusätzlich. So mussten immer mehr Frauen den Arbeitsplatz des Mannes einnehmen. Kinder bekamen Schulfrei, um auf den Feldern mitzuhelfen. Die Ferien wurden verlängert, damit die Ernte rechtzeitig und vollständig eingefahren werden konnte. Im Laufe des Krieges kamen als Helfer auch Kriegsgefangene zum Einsatz. Im Oktober/November kamen die ersten Transporte mit Kriegsgefangenen in Weißenfels an. Auch in Markwerben sollen Kriegsgefangene in der Landwirtschaft eingesetzt gewesen sein.

Auch das kulturelle Leben kam langsam zum Erliegen. Die Vereine führten zum Teil keine Versammlungen oder Veranstaltungen mehr durch, da zahlreiche Mitglieder in das Deutsche Heer eingezogen waren, viele Jüngere hatten sich freiwillig an die Front gemeldet. Dazu kamen die Alltagssorgen, die immer mehr zunahmen, so dass niemand mehr recht die Kraft für eine Vereinstätigkeit aufbrachte. Zum Beispiel führte der Verschönerungsverein im gesamten Verlauf des Krieges keine Versammlung mehr durch. Ob es trotzdem Aktivitäten gab, ist ungewiss. Im Gegensatz dazu versuchte der Turnverein eine gewisse Normalität aufrechtzuerhalten. Zwar waren schon 1916 mindestens 19 Mitglieder zum Heer eingezogen, aber man schaffte es bis Mitte 1917, den Sportbetrieb aufrechtzuerhalten. Erst im Januar 1919 fand dann wieder ein regelmäßiges Turntraining statt. Ähnlich wird es auch den anderen Vereinen ergangen sein.

1917 kam es in Markwerben zu einem größeren Ereignis. Im Zuge der Metallsammlungen wurden auch Kirchenglocken eingezogen. Wegen ihrer Bronze, ein kriegswichtiges Material, nahm man auch die beiden Glocken vom Kirchturm herunter und brachte sie auf einen Sammelplatz (im Volksmund auch Glockenfriedhof genannt) am Weißenfelser Bahnhof. Nur eine Glocke blieb erhalten. Von da erfolgte der Weitertransport zum Einschmelzen. Beide Glocken stammten aus dem Jahr 1727 und 1795. Erst im September 1924 konnten vier neue Stahlglocken angeschafft werden. Selbst die Orgelpfeifen wurden durch den Orgelbaumeister Ladegastausgebaut und für die Kriegswirtschaft bereitgestellt. Mit einem Sammeltransport wurden die Pfeifen zum Einschmelzen abtransportiert. Das Gewicht der Pfeifen betrug 23 Kilo. Pro Kilo wurden 6 Mark bezahlt.

Trotz der vielen Kriegstoten blieb die Einwohnerzahl während des Krieges relativ konstant. Rund 850 Einwohner lebten in dem Zeitraum in Markwerben. Erst nach dem Krieg ging die Einwohnerzahl für einige Jahre nach unten. Auch während des Krieges blieben alle Gewerbe in Markwerben bestehen und mussten nicht kriegsbedingt geschlossen werden. Laut Adress- und Geschäftshandbuch von 1914 gab es folgende Gewerbe, die auch 1919 noch existierten:

Zwei Dampfziegeleien

Drei Gastwirtschaften

Zwei Materialwarenhändler

Zwei Schmiede

Einen Stellmacher

Zwei Bäcker

Zwei Schneider

Zwei Schuhmacher

Zwei Gärtnereien

sowie 29 Landwirte

 

Wie oben schon beschrieben, konnten die Gewerbetreibenden nur noch beschränkt ihre Arbeit ausüben, da nur noch wenig Material zur Verfügung stand. Das Gleiche traf auf die Landwirte zu. Wie schon angesprochen, litten diese unter Arbeitskräftemangel, dazu fehlten Zugtiere (viele Pferde mussten an das Heer verkauft werden) und Kunstdünger, der nicht mehr in ausreichendem Maße vorhanden war. Diese und noch weitere Faktoren (Handelsembargo, Seeblockade) machte die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln immer schwieriger. Nach einer Missernte brach 1916/17 eine Hungersnot aus, die auch als Steckrübenwinter (Kohlrübenwinter) bekannt wurde. Während des 1. Weltkrieges verhungerten rund 800.000 Menschen in Deutschland. Erst Jahre später sollte sich die Situation entspannen.

Mit dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 war der 1.Weltkrieg beendet. Die Verluste für Markwerben waren hoch. Insgesamt konnte recherchiert (Stand 2016) werden, dass 109 Männer aus Markwerben als Soldaten zum Heer eingezogen waren (es sind auch diejenigen Markwerbener mit einberechnet, die zum Zeitpunkt des 1.Weltkrieges selbst nicht mehr im Ort wohnten). Knapp über die Hälfte der Soldaten, und zwar 57, starben. Wobei nur 40 auf dem am 22.09.1922 eingeweihten Kriegerdenkmal verzeichnet sind. Das hängt damit zusammen, dass nur diejenigen benannt wurden, die zu dem Zeitpunkt in Markwerben registriert waren. So sind Personen, die in Markwerben geboren wurden, aber vor 1914 aus Markwerben wegzogen, aber im 1. Weltkrieg gefallen sind, nicht mit auf dem Denkmal verzeichnet. Wie Pfarrer Richter in seinen Aufzeichnungen bemerkte, kam eine Anzahl von Soldaten als Kriegsversehrte nach Hause, von denen wiederum einige nach Monaten oder Jahren an ihren Verletzungen starben. So erging es den Soldaten Fritz Schunke, Albert Horack und Otto Krebs, die zum Teil schwerverwundet nach Hause kamen und 1919 und 1920 an den Folgen ihrer Verletzungen starben.

 

Gebaut wurde das Denkmal von der Firma Weidner aus Rippach. Ob Weidner auch den Entwurf geliefert hatte, ist nicht bekannt. Auch über die Kosten gibt es keine Hinweise. Wie auf dem Denkmal angegeben, widmete die Gemeinde dieses Ehrenmal. Das Denkmal mit seiner figürlichen Darstellung ist ein schönes Beispiel vom Beginn der 20er Jahre, als diese Denkmalform eine immer weitere Verbreitung fand. Die beiden Soldaten sind sehr emotional gruppiert.

Von der Einweihung gibt es eine Aufnahme, die eine große Anzahl von Menschen um das noch eingehüllte Denkmal zeigt. Da es an dem Tag regnete, sieht man leider nur viele Regenschirme. Ein anderes Foto zeigt das Denkmal mit den zahlreich abgelegten Kränzen. Im Weißenfelser Tageblatt wird über die Einweihung nicht berichtet. Nur am 21.09. wird darauf aufmerksam gemacht, dass in Uichteritz und Markwerben die Denkmale am 22.09. eingeweiht werden. In Markwerben fand die Veranstaltung 14 Uhr statt.

 

In wenigen Jahren wird das Kriegerdenkmal 100 Jahre alt. Diese sind nicht spurlos an dem Denkmal vorbeigegangen. Die Inschriften sind nur noch schwer lesbar, der Mörtel fängt an zu bröckeln und Risse zu bekommen. Es wäre wünschenswert, das Denkmal bis zu seinem 100 "Geburtstag" zu restaurieren.

Auch auf dem Friedhof hat sich ein Grabstein erhalten, welcher mit dem 1. Weltkrieg im Verbindung steht. Auf dem Stein der Familie Morus/Fischersind zwei Söhne verzeichnet, die 1915 und 1918 gefallen waren. Besonders tragisch ist der Tod von Hugo Morus, der nach einer einmonatigen Krankheit (Blutvergiftung) einen Tag vor dem Waffenstillstand verstarb. Da er in einem Lazarett innerhalb Deutschlands untergebracht war, konnte der Leichnam überführt und auf dem Markwerbener Friedhof beigesetzt werden. Es wäre schön, wenn dieser Grabstein als Zeugnis des 1. Weltkrieges erhalten bliebe. Nachweislich wurde auch Friedrich Albert Dose, der schon im September 1914 in einem Lazarett in Aachen verstarb, nach Markwerben überführt. Leider ist die Grabstelle nicht mehr erhalten.

Wie oben schon angesprochen, konnten erst 1924 neue Stahlglocken angeschafft werden, die in Apolda gegossen wurden. Bis dahin schlug nur eine Glocke (gegossen 1795), die mit zur Finanzierung der neuen Glocken verkauft wurde.

Wann genau die Orgelpfeifen ersetzt wurden, ist nicht bekannt, dürfte aber ebenfalls in den Anfang der 20er Jahre gefallen sein.

Damit endet der Beitrag über Markwerben im 1. Weltkrieg.

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Fakten zu Markwerben

Seit dem 1.1.2010 Ortsteil von Weißenfels.

Amtliche Bezeichnung: Stadt Weißenfels - OT Markwerben

Einwohner (Stand Januar 2016): 613

Fläche: 3,77 km²

Postleitzahl: 06667

Vorwahl: 03443

KFZ-Kennzeichen: BLK / WSF

Ortsbürgermeister: Günter Fabig - Salpeterhütte 9

Koordinaten:

Länge: 11.9333/ 11° 55` 60“

Breite: 51.2167/51° 13` 0“

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